IMGP1395b  25.10.2017
 Bausatzvorstellung: Cutty Sark
 (Revell, Art.Nr. 05442, Maßstab 1:96)
 von Frank Brüninghaus

 

Dieser Bausatz gehört zu den ältesten Segelschiffbausätzen auf dem Markt. Um so verwunderlicher, das kaum Gußgrate oder Fischhäute an den Spritzlingen zu finden sind. Alles ist von sehr ordentlicher Qualität. In vielem übertrifft der Plastikbausatz manche Holzbausätze. Die Abbildungsgenauigkeit ist dabei ebenfalls sehr hoch. Dies ist wohl weitestgehend dem Umstand zu zuschreiben, das dem Modelleur das Original zur Verfügung stand und dort alle Maße abgenommen und umgesetzt werden konnten. Die Cutty Sark, und andere Schiffe ihrer Klasse, gelten zurecht als Kathedralen der Meere. Mit dem Museumsschiff in Greenwich ist das letzte seiner Art erhalten.

 

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Ein kurzer Rückblick:

Das schöne Schiff lief 1869 vom Stapel. Mit 53 Jahren unter verschiedenen Eignern war sie länger als jeder andere Clipper im Handelsverkehr unterwegs. Der Name des Schiffes entstammt der romantischen Geschichte vom Bauern Tam O´Shanter, der auf seiner alten Mähre reitend Nachts auf dem Weg von der Kneipe nach Hause auf dem Friedhof den Teufel und ein paar Hexen in wildem Reigen tanzen sah. Fasziniert von der jüngsten und hübschesten, die noch dazu dürftig bekleidet war – nämlich in einem „cutty sark“, einem kurzem Hemdchen - blieb Tam stehen , klatschte in die Hände und rief „Bravo Cutty Sark!“ Weder die Hexen noch der Teufel wollen Zeugen bei Ihren heimlichen Treffen, so nahmen die Hexen die Verfolgung auf. Tam gab seinem Pferd die Sporen und schaffte es mit Mühe noch über die Brücke die über den Bach führte. Wie wir alle wissen können weder der Teufel noch Hexen über fließendes Wasser fliegen, so hatte Tam zum Schluß mehr Glück als Verstand und „Cutty Sark“ packte Tams Mähre gerade noch am Schwanz und riss ihr ein paar Schweifhaare aus. Dieses Bild ist in der Galionsfigur wiedergegeben. Die Matrosen der Cutty Sark steckten der „Nanny“ immer ein aufgedröseltes Taustück in die ausgestreckte Hand um den Pferdeschweif zu imitieren. Auch heute noch hat die Nanny auf dem Museumsschiff das Taustück in der Hand. Der Name wird mit recht scharfem „S“ ausgesprochen, und nicht wie viele es sprechen als „SCH“ wie „shark“ - denn mit Haien hat dieses Schiff nichts zu tun, außer das sie sich das selbe Milieu teilen.

Das Schiff lief im selben Jahr wie die Fertigstellung des Sueskanals vom Stapel. Für den Eigner, Old White Hat John „Jock“ Willis, ein großes Wagnis. Den die ohnehin schon starken Konkurrenten, die Dampfschiffe, konnten jetzt ihre Reiseroute um viele tausend Meilen verkürzen. Aber seine Liebe zu Segelschiffen und der sprichwörtliche britische Wetteifer ließen ihn dieses Wagnis eingehen.
In den berühmten „Tea Races“ von Foutchou nach London war die Thermopylae – benannt nach dem durch die Schlacht berühmten, griechischen Gebirgszug – die schnellste Gegnerin der Cutty Sark. Erst nach Änderungen ihres Riggs, der Großmast wurde verkürzt und so die Segelfläche verkleinert, konnte die Cutty Sark später im Wollhandel ihre wahren Fähigkeiten zeigen.
In 1916 wurde sie im Sturm teilweise entmastet, aufgrund des tobenden Krieges und daraus resultierendem Materialmangel bzw. sehr hoher Kosten für das benötigte Material riggte der jetzt portugiesische Eigner sie als Barkentine auf. Das heisst, der Fockmast behielt die Rahtakelage, Groß- und Besan erhielten eine Gaffeltakelung mit Gaffel und Gaffeltoppsegeln. Im Bewußtsein der Herkunft ihres alten Namens nannten die portugiesischen Seeleute ihr Schiff, das jetzt eigentlich „Ferreira“ hieß, „Pequeña Camisola“ - Kleines Hemdchen.
Seit 1954 liegt das Schiff, zurückgebaut in seinen Originalzustand, in London – Greenwich. Während Restaurierungsarbeiten in 2007 brannte der Rumpf fast vollständig aus, nur das eiserne Diagonalskelett blieb bestehen. Seit 2012 ist das Schiff vollständig restauriert wieder der Öffentlichkeit zugänglich.

 

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Der Bausatz:

Mit wenigen Neuerungen kommt der schöne Bausatz in dem 75 cm langen Karton daher. Der Inhalt ist jeweils zu mehreren Spritzlingen mit fast 700 Teilen in großen Klarsichtplastiktüten verteilt. Vielleicht könnte man den Karton etwas unterteilen oder Polstermaterial einlegen um das Herumrutschen der Teile im Karton zu verhindern. Im Karton liegen als größte Teile die 71 cm langen und 10 cm hohen, schwarzen Rumpfhälften. Sehr schön detailliert mit dem Kupferplatten beplankten Unterwasserschiff, einer sehr dezenten Holzmaserung am Überwasserschiff, sehr fein geprägte Speigatdeckel und Eisenplattierung am äußeren Schanzkleid. Eine kurze Passprobe zeigt zumindest hier die hohe Passgenauigkeit.

 

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Hier der Rumpf mit seinen Details:

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Die ersten braunen Spritzlinge enthalten die Maststengen, Rahen mit Leesegelspieren, komplette Jungfern,Marsen, Pumpen, Anker, Ruder, Kompass und einen Teil der Blöcke. Bei genauem hinschauen fällt doch der eine oder andere Gußgrat auf.

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 Der zweite Satz braune Spritzrahmen enthält die Deckshäuser, Luken, Nagelbänke mit sehr filigranen Belegnägeln, Mastbetinge, die Duchten der Boote, Relinge, Niedergänge, den einfachen Ständer, das Namensschild und weitere Blöcke. Diese müssen wohl in vielen Fällen nachgebohrt oder gestochen werden da ihre Öffnungen bisweilen sehr eng scheinen.

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Die 20 Figuren befinden sich in einem Spritzrahmen. Es sind Offiziere und Mannschaften in verschiedenen Posen abgebildet. In schwarz gespritzt sind die Wanten zum Teil mit angegossenen Jungfern ebenfalls in einem eigenen Rahmen. Ob man diese verwendet bleibt jedem selbst überlassen. Aber auch ihre Abbildung ist sehr gut.

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Zwei weiße Spritzlinge beinhalten den Bugspriet, die Bootsrümpfe und die Riemen, Löscheimer, die Galionsfigur, die Decksteile, Dächer der Deckshäuser, Bootslager, Schanzkleidwinschen, Untermasten, Salinge, Eselshäupter, Positionslampen Rettungsringe und Davits. Die Prägung der Maserung auf den Decksteilen ist etwas erhabener als am Rumpf aber nicht übertrieben stark.

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Der Markierungsbogen zeigt die goldene Bug- und Heckzier – leider ohne Jock Willis Wahlspruch „Where there is a Will is a Way“ (!) und „Heavens Light – our Guide“, den Schiffsnamen und vier Eintauchmarkierungen. Neu ist wohl der Flaggensatz mit der Nationalflagge und der Flaggenkennung Juliet – Kilo – Whiskey – Sierra. Der Satz ist größer als bei älteren Kits, ansonsten aber gleich.

Auf drei großen Bögen befinden sich die insgesamt 35 tiefgezogenen Plastiksegel. Das vollständige Rigg besaß 43 Segel, im Bausatz fehlen die Unterleesegel, alle Besanleesegel und die Royalleesegel. Save all und Broadwinner hatte die Cutty Sark sicher auch. Die Darstellung der Segel mit feiner Stoffstruktur und aufgeprägten Gordings und Reffbändern ist ganz nett, für ein wirklich schönes Modell sollte man aber darauf verzichten. Im Bauplan ist die Option „Ohne Segel“ beschrieben oder man macht welche aus Papier.

Dem Kit liegen vier, je zwei schwarze und hellbraune Sternfadenrollen in zwei unterschiedlichen Stärken bei. Selbst für eine nur halbwegs korrekte Takelage reicht das bei weitem nicht aus.
Eine kleine Kette liegt ebenfalls bei, mit ihr soll die Verstagung des Bugspriets und auch die Ankerkette dargestellt werden.

 

Der Bauplan:

In praktischer Heftform liegt der neu gestaltete Bauplan dem Bausatz bei. Beginnend mit sehr praktischen Basteltipps und bausatzspezifischen Hinweisen geht es über eine Auflistung der benötigten Farben und den Abbildungen der einzelnen Spritzlinge zu den insgesamt 105 Baustufen. Der Bauplan ist einfach und übersichtlich, ob man sich immer dran hält ist jedem selbst überlassen. Der Plan bietet mehrere Optionen zum Bau. Das Schiff kann mit und ohne Segel gebaut werden, zu beachten ist dabei die Stellung der Rahen. Ebenso optional ist die Anfügung der Leesegel mit den dazugehörenden Spieren. Ab Baustufe 79 behandelt der Plan die stark vereinfachte Takelage, zunächst das stehende Rigg und ab Stufe 95 das laufende Gut mit den entsprechenden Belegplänen/Befestigungspunkten pro Baustufe. Die letzte Baustufe zeigt die Positionen der Abziehbilder und Bemalungshinweise für den Rumpf und Deck.
Es empfiehlt sich, den Bauplan sehr aufmerksam zu lesen und sich ggf. Notizen einzufügen.

 

Stärken:

- Sehr sehr gute Abbildung aller Teile, insbesondere aller Rumpfteile

- Nur sehr geringe Gratbildung, verputzen muss man sowieso alles

- Bis auf die Deck-Rumpfverbindung, etwas Druck ist hier nötig, sehr gute Passgenauigkeit

- Obwohl unvollständig gute Bauanleitung, allerdings waren die Pläne bei dem älteren Cutty Sark Kit besser

- Absolut korrekte Einschätzung des skill-levels, des Schwierigkeitsgrades

- Schöne Abziehbilder

 

Schwächen:

- Plastiksegel, man baut besser ohne oder benutzt Papier um neue Segel zu gestalten

- Quer- statt Längsteilung der Decksteile

- Unvollständiger Takelplan als Teil des Bauplans, die Takelung der Halsen und Ladetakel fehlt ganz, die Schoten der Schratsegel sind nur einfach dargestellt. Fußperden fehlen auch gänzlich

- Die Takelblöcke. Es liegen drei verschiedene Blockformen bei, durch abschneiden der Augen sind die Variationen noch gering erweiterbar. Für ein Schiff dieser Art und Größe bei Weitem

   nicht ausreichend. Mittlerweile werden gute Blöcke speziell für diesen Bausatz auf einer bekannten Verkaufsplattform im Internet angeboten. Der Preis ist zwar doppelt so hoch wie der Preis

   für den Bausatz, es lohnt sich aber durchaus.

- Tatsächlich trug die Cutty Sark vier statt nur drei Boote

- Nagelbänke zwar maßstäblich richtig, die Belegnägel aber wohl zu dünn und leicht abzubrechen

 

Fazit:

Ich bin der Meinung, die aufgeführten Mängel sind durchaus vernachlässigbar. Man bekommt für sein Geld eine Menge Bastelspaß und hat nach Fertigstellung des Modell einen sehr schönen Zimmerschmuck. Allerdings, für Anfänger nicht unbedingt geeignet, mit entsprechender Ruhe und Besonnenheit kann aber auch ein Neuling das Modell schaffen.
Neben den Optionen aus dem Bauplan gibt es für den Profimodeller viele weitere Möglichkeiten, das Modell anders zu gestalten. Allein die Takelung zwischen 1916 und 1923 als Barkentine ist interessant, ebenso auch die Bemalung mit dem Würfelmuster an den Bordwänden während ihrer Fahrenszeit als „Ferreira“. Als Diorama wäre es reizvoll, das Schiff im Trockendock von Greenwich zu zeigen.

Einer der schönsten Segelschiffbausätze auf dem Markt, und auch für Anfänger gilt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg…

 

Empfehlenswerte Literatur:

- George Campbell, China Tea Clippers (englisch mit ganz tollen Zeichnungen)

- David r. MacGregor, Schnellsegler 1775 – 1875

- Walter A. Kozian, Klipperschiffe und Schnellsegler

 

Die Bauanleitung ist hier für den Privatgebrauch von der Webseite von Revell verfügbar.

 

Frank Brüninghaus / Modellbauclub Koblenz